XXXIV | Die unerkannte Sprachgewalt

Frieden. Ein Thema, das derzeit sehr popluär ist. In Gesprächen. Sonst leider nicht.
Und ich lausche den Diskussionen und kann bereits in den Gesprächen den Frieden nicht entdecken. Der Frieden wird mit Anschuldigungen, Ausgrenzungen, Sanktionen, Lobbybildung und sogar Waffen gefordert. In Kontroversen ausgedrückt.

Und ich denke: Auch Frieden ist offensichtlich nur ein Wort.


Was scheinbar den meisten Menschen fehlt, ist eine bestimmte Fertigkeit: nämlich die Friedfertigkeit. Diese heißt nicht ohne Grund so. Denn sie erfordert eine ein gewisses Können. Dieses muss von der Menschheit aber erst erlernt werden. Denn wie die Geschichte zeigt, ist mit den bisher angewandten Methoden kein Frieden erreicht worden.


Frieden erfordert vom Menschen FriedlichSEIN. Dieses Friedlichsein kann man jedoch selbstverständlich weder einfordern noch erzwingen. Friedlichsein kann – ja muss – jeder für sich selbst erlernen. Das bringt dann den Frieden in die Welt.

Wir aber fordern Frieden, ohne uns darum zu kümmern, selbst diese Fertigkeit zu erlangen.


Verhängnisvoll ist zusätzlich die Verbindung dazu, dass von Vielen die Gewalt nicht mehr als solche erkannt wird. Die hohe Flut an Information, die unser Zeitalter mit sich bringt, hat dem Menschen die Fähigkeit genommen, Gewalt abzulehnen. Es ist dies ein Akt der Massenverdrängung. Nur so kann der Mensch wohl überhaupt mit ihr leben. Würde er das Ausmaß selbst erfassen müssen, ginge er daran zugrunde.

Deshalb ist sie für uns zu einem notwendig erscheinenden Zubehör des Friedens geworden. Ein solcher Bestandteil unseres Alltags, dass wir sie erst wahrnehmen, wenn unser eigener Schmerz uns darauf hinweist. Der Schmerz des Anderen bleibt hinter der Netzhaut stecken. Manchmal auch schon davor.


Doch heute beschäftigt mich etwas ganz speziell: Als weiteren Bestandteil dieses erschreckenden Konglomerats nehme ich mit großer Bestürzung eine Veränderung der Sprache zur Verrohung wahr, die einerseits eine logische Folge ist, andererseits natürlich enorm dazu beiträgt, die unerkannte Gewalt hinzunehmen.


Dies ist aber leider nicht nur in der Umgangssprache so, sondern wird von den kulturellen Trägern bereitwilligst übernommen.
Wenn wir uns näher anschauen, in welchen Worten heute veröffentlicht wird, dann werden wir rasch erkennen, dass in Texten, Theaterstücken und Drehbüchern nur wenig an Friedfertigkeit vorhanden ist. Nicht nur vom Inhalt her, sondern auch die Sprache an sich hat an Aggressivität enorm zugelegt.
Ich bin keine große Fernseherin, aber wenn ich gerade mal am Fernseher vorbeigehe, dann fällt mir auf, dass da beinahe immer nur herausgebellt wird.

Ich kann mich erinnern, dass in früheren Jahren, vor allem von den öffentlich-rechtlichen Anstalten, großer Wert auf eine sorgfältige und richtige Sprache gelegt wurde. Handelte es sich doch wohl auch um einen Kulturauftrag. Es galt schon als Skandal, wenn ein Nachrichtensprecher einen grammatikalisch falschen Satz sprach, und konnte es passieren, dass dieser sogar von seinem Posten abgezogen wurde.

Abgesehen davon, dass heute Redewendungen verwendet werden, die von Sprachkultur weit entfernt sind, wird den Produktionen, die natürlich der Quote geschuldet sind, eine Normalität zugrundegelegt, in der sich die Protagonisten nahezu ausschließlich rüden Umgangstones befleißigen. Fäkalsprache, Schimpfworte, Hetze eingeschlossen. Selbst in Liebesszenen gibt es keine leisen Töne mehr, sondern muss geschrieen und verstümmelt gesprochen werden.
Und nicht von ungefähr bringen solche Produktionen tatsächlich die besten Quoten und auch die größte Resonanz.

Die Literatur konnte sich diesem Wandel selbstverständlich nicht entziehen. Waren es früher wohl Ausnahmen, wenn umgangssprachlich veröffentlicht wurde, so ist das heute gang und gäbe. Das ist allerdings nicht Thema meines heutigen Beitrags. Die Verwendung der Umgangssprache an sich ist nicht das Verhängnis, sondern WIE sich die Umgangssprache verändert hat. Und wie sich durch deren Veröffentlichung die unerkannte Gewalt in unser tägliches Leben schleicht.


Heute wende ich mich deshalb nicht an die Ausführenden, sondern an die Leser, Konsumenten, Nutzer und Anwender.

Frieden beginnt mit Friedfertigkeit und die Sprache ist ein wichtiges Instrument dafür.
Erkennen wir die unerkannte Gewalt in unserem Sprachgebrauch und tragen wir selbst dazu bei, Friedfertigkeit auf diese Weise in die Welt zu tragen.
Ein erster – aber sehr wichtiger Schritt!

 

 

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